Aspekte der Sexualität
bei Menschen mit geistiger Behinderung
Alle Menschen sind sexuelle Wesen, und die Sexualität ist eine der starken Kräfte, die menschliches Handeln bestimmen. Das ist auch bei Menschen mit geistiger Behinderung nicht anders. Und doch gibt es wichtige Aspekte, die das Thema bei ihnen auf spezielle Weise prägen:
- Körperliche, emotionale und intellektuelle Entwicklung verlaufen noch weniger parallel als bei den meisten Menschen. Dies wirkt sich vor allem auf die Fähigkeit aus, die Folgen des eigenen Handelns sowie das innere Erleben einer PartnerIn in der Vorstellung vorwegzunehmen. Die Stigmatisierung als "behindert" untergräbt die Entwicklung von Selbstakzeptanz und Selbstvertrauen.
- Es erfolgt nicht parallel zur sexuellen Reifung die Loslösung von der Herkunftsfamilie und zunehmende - auch materielle - Selbstbestimmung. Stattdessen bleiben die Abhängigkeiten der Herkunftsfamilie erhalten oder werden durch die ebenfalls fremdbestimmte Umgebung einer Einrichtung abgelöst. Selbst die Freizeitgestaltung wird von andern "organisiert". Die fortdauernde, selbst als notwendig oder unvermeidbar erlebte Abhängigkeit von Eltern oder MitarbeiterInnen behindert eine freie Entfaltung von Sexualität und Beziehungsleben. Selbstbestim-mung wird "eingetauscht" gegen Sicherheit.
- Die Chancen, auf dem Beziehungs- "Markt" eine PartnerIn zu finden, sind bei der in unserer Gesellschaft vorherrschenden Überwertigkeit von Jugend, Schönheit und Intelligenz äusserst gering. Gleichzeitig sind die Möglichkeiten sehr beschränkt, in den eigenen Lebensräumen - Elternhaus, Wohngruppe, Werkstatt, organisierte Freizeitangebote - auf eine ebenbürtige PartnerIn zu treffen. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, "abweichende" Formen sexueller Aktivität zu entwickeln.
- Das Risiko, Grenzüberschreitungen, Missbrauch oder Gewalt zu erleben, ist für behinderte Menschen aus verschiedenen Gründen deutlich höher als für andere.
- Nicht selten stehen hinter "abweichendem" sexuellem Verhalten andere Themen der Persönlichkeitsentwicklung, die mangels Alternativen diesen wirkungsvollen Weg zum Ausdruck gefunden haben. Dann kommt es letztlich darauf an, diese Hintergrundmotive zu erkennen und auf sie angemessen zu antworten.
Lernziele:
- Die Lebensthemen von Menschen mit geistiger Behinderung und deren sexuellen Aspekte kennen lernen.
- Möglichkeiten und Grenzen sexueller Selbstbestimmung in den Blick bekommen.
- Aspekte von Grenzüberschreitung, Missbrauch und Gewalt genauer anschauen.
- Konzepte, Medien und Hilfsmittel zur Sexualberatung kennen lernen.
- Zu Fragen aus der eigenen Praxis rund um das Thema Sexualität mögliche Antworten suchen.
Arbeitsweise:
- Referat mit Präsentation
- Diskussion in Plenum und Kleingruppen
- Vorstellung von Medien und Materialien
- begleitende Fallbesprechung in Kleingruppen.
Die Arbeit im Kurs bleibt dicht an den konkreten Anliegen aus der Praxis der Teilnehmenden.
Dauer
16 Unterrichtsstunden an 2 Tagen.
Literaturempfehlung
Bosch, E., Suykerbuyk, E.: Aufklärung – Die Kunst der Vermittlung. Methodik der sexuellen Aufklä-rung für Menschen mit geistiger Behinderung. Weinheim und München (Juventa) 2006 (in Kooperation mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe).
